Sie hoffte, dass Gernot ihr wieder über den Weg liefe, dass er anrufen würde... vielleicht könnte sie ihm sagen, was sie brauchte. Vielleicht würde er sie verstehen. Zumindest das: Sie verstehen.
Schließlich überwand sie sich und suchte seinen Namen im Nummernspeicher.
Es läutete dreimal, viermal. Um mit der Mailbox zu reden, war sie zu stolz.
"Hallo?" Seine Stimme klang schwach.
Sie fragte, was los war. Er hatte einen Unfall gehabt. Er lag im Spital. Mehr wollte er nicht sagen. Er versuchte, sie abzulenken, dankte für den Anruf, sagte, es sehe alles schlimmer aus, als es sei... Eva beschloss sofort, dass sie ihn besuchen würde.
"In welchem Spital liegst du?" - "Hör mal, ich meine, es ist wirklich nicht so schlimm, es war eben ein Unfall..."
Sie ließ nicht locker. Irgendwann gab er auf und verriet ihr den Namen des Spitals.
Sie zog sich an. Ihre Scheide pulste schmerzhaft. Sie würde Blumen kaufen, Konfekt - eine mütterliche Seite in ihr wachte auf, stellte sich all das auf eine Art schön vor.
Sie kam hinunter ins Vorzimmer. Etwas war nicht in Ordnung - als hätten die Dimensionen sich verschoben. Das Kästchen schien weiter weg, die Tür wie durch ein verkehrtes Fernroh. "Er ist deiner nicht würdig", sagte die Stimme.
Sie kämpfte sich vorwärts, Schritt für Schritt, bis sie bemerkte, dass sie sich keinen Millimeter gerührt hatte. Die Tür lag vor ihr, kaum ein paar Meter entfernt. Sie atmete tief durch, wollte zu laufen beginnen und konnte es nicht. Sie musste sich an der Mauer halten, um nicht zu fallen.
Sie dachte, dass Gernots Unfall vielleicht gar kein Unfall war. Die Stimme in ihrem Kopf kicherte boshaft. "Ich sagte doch - er ist deiner nicht würdig."
Flach an die Wand gepresst, tastete sie sich seitwärts voran. Bald musste sie an der Tür sein - an der Tür. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde nicht. Die Augen geschlossen, stieg Panik in ihr auf. Wenn Gernots Sturz kein Unfall war, wenn jemand, irgendjemand, alles das tun konnte - sie konnte gefangen bleiben, verdursten. Oder schlimmer.
Ein Gestank stieg ihr beißend in die Nase, lähmte ihre Gedanken, zwang sie, die Augen zu öffnen. Heller, gleißender Feuerschein erfüllte das Vorzimmer. Die Tür stand in Flammen. Rauch drang in Evas Lungen.
Sie wusste, dass es nicht echt sein konnte. Es war ein Schauspiel, eine Illusiion. Dennoch begann sie zu husten, spürte die Hitze, die nach ihrer Haut leckte, den Schweiß, der sofort auf der Haut verdampfte, das Ringen nach Luft. Jetzt stand auch das Wohnzimmer in Flammen. Sie ging in die Knie, fiel zu Boden, versuchte um Hilfe zu rufen und bekam keinen Laut heraus. Todesangst umfing sie, tief und urtümlich, der Kampf um das Bewusstsein, um ein Stückchen Leben, nur eine Sekunde, ein Atemzug...